Warum meine Arbeit mit Pferden nicht auf Horsemanship basiert:
uf dem ganzheitlich-friedvollen Weg des bedürfnisorientierten Zusammenlebens mit Pferden geht es für mich vornehmlich darum, auf Manipulationstechniken, Trainingswiederholungen sowie auf standardisierte Methoden und Techniken zu verzichten.
Denn Kommunikation ist eine dynamische Form des Miteinanders.
Sie braucht zu jedem Zeitpunkt die Flexibilität des Menschen, auf die Bedürfnisse, Ansprachen und die jeweilige Lebenssituation des Pferdes eingehen zu können. Sie lässt sich nicht in ein festgelegtes System aus immer wieder reproduzierten Abläufen pressen.
Genau hier beginnt für mich der wesentliche Unterschied zu klassischen Horsemanship-Ansätzen.
Viele Horsemanship-Konzepte arbeiten mit klar definierten Verhaltensstrukturen, Raumkontrolle, Druck und dessen anschließender Wegnahme. Das kann lerntheoretisch funktionieren und Verhalten zuverlässig verändern. Für mich stellt sich jedoch eine andere Frage:
Verändert sich hier wirklich die Beziehung – oder lernt das Pferd lediglich, auf bestimmte Signale des Menschen zu reagieren?
Wenn der Anspruch an das eigene Wertesystem nicht zum Handeln passt
An dieser Stelle kommt ein psychologisch spannender Aspekt hinzu: die kognitive Dissonanz.
Kognitive Dissonanz beschreibt einen inneren Spannungszustand, der entstehen kann, wenn unsere Überzeugungen, Werte und unser tatsächliches Verhalten nicht miteinander übereinstimmen.
Ein Mensch kann beispielsweise tief davon überzeugt sein:
„Ich möchte eine vertrauensvolle, partnerschaftliche und gewaltfreie Beziehung zu meinem Pferd.“
Und gleichzeitig mit Methoden arbeiten, bei denen das Pferd durch Druck, Raumbegrenzung, Stick, Seil, Körpersprache oder andere aversive Reize zu einem bestimmten Verhalten gebracht wird.
Dann entsteht eine mögliche Diskrepanz zwischen Selbstbild und Handlung.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der Horsemanship praktiziert, automatisch kognitive Dissonanz erlebt. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob die angewandte Methode tatsächlich mit den eigenen ethischen Werten übereinstimmt.
Und genau hier wird es interessant.
Denn kognitive Dissonanz wird häufig dadurch reduziert, dass wir unser Verhalten nachträglich anders bewerten oder rechtfertigen.
„Das ist kein Druck, sondern Kommunikation.“
„Das Pferd könnte jederzeit gehen.“
„Ich mache das nur, damit es mich versteht.“
„Ich zwinge es nicht – ich gebe ihm lediglich eine Wahl zu mir zu kommen.“
Die Bezeichnung einer Handlung verändert jedoch nicht automatisch deren Wirkung.
Wenn ein Pferd ein Verhalten zeigt, weil ein unangenehmer Reiz erst nachlässt, wenn es das vom Menschen gewünschte Verhalten zeigt, handelt es sich aus lerntheoretischer Sicht um negative Verstärkung. Das ist eine Form der Verhaltenssteuerung.
Und genau diese Form der Steuerung möchte ich in meiner Arbeit nicht zur Grundlage der Beziehung machen.
Kommunikation oder Verhaltenssteuerung?
Für mich ist Kommunikation mehr als das zuverlässige Abrufen eines trainierten Verhaltens.
Kommunikation bedeutet, dass beide Seiten Einfluss auf das Geschehen nehmen dürfen.
Das Pferd darf Nein sagen.
Das Pferd darf Abstand brauchen.
Das Pferd darf etwas nicht verstehen.
Das Pferd darf eine andere Idee haben.
Und das Pferd darf seine Meinung verändern.
Deshalb ist für mich ein entscheidender Unterschied, ob ich dem Pferd eine Reaktion beibringe – oder ob ich lerne, seine bereits vorhandenen Ausdrucksformen wahrzunehmen und darauf zu antworten.
Die Inkongruenz entsteht für mich dort, wo der Mensch verbal von Partnerschaft und Freiheit spricht, gleichzeitig aber über machtorientierte Verhaltensstrukturen Einfluss auf das Pferd nimmt – beispielsweise durch Gerten- oder Stickeinsatz zum „Druckaufbau“, das Begrenzen von Raum, gezielte Desensibilisierung oder wiederholte körperliche Signale.
Dann kann das Pferd zwar funktional lernen, was vom Menschen erwartet wird.
Aber Funktionalität ist für mich nicht dasselbe wie Beziehung.
Ein Pferd, das zuverlässig funktioniert, ist nicht automatisch ein Pferd, das sich sicher fühlt, kommuniziert oder freiwillig in Beziehung tritt.
Deshalb gelten in meiner Arbeit andere Rahmenbedingungen
Pferde werden nicht willkürlich in einem Roundpen geschickt.
Der Ort, an dem Pferd und Mensch zusammenkommen, hat mindestens 20 × 30 Meter Größe und besitzt Ecken. Das ermöglicht dem Pferd, Abstand einzunehmen und deutlich zu kommunizieren, wenn etwas im Sein mit seinem Menschen nicht stimmig, zu viel oder unverstanden ist.
Es werden keine Knotenhalfter, schwingenden Seile oder andere schwingende Materialien eingesetzt, um Verhalten über Druck oder Raumkontrolle zu beeinflussen.
Der menschliche Körper führt keine standardisierten, immer wieder reproduzierten Bewegungen aus, die das Pferd lediglich auf ein bestimmtes Antwortverhalten konditionieren sollen.
Denn für mich bedeutet echte Kommunikation nicht, dass ich dem Pferd immer wieder dieselbe Frage stelle, bis es endlich die gewünschte Antwort gibt.
„Nein“ ist ein ganzer Satz. Auch bei Pferden.
Deshalb gebe ich dir keine Techniken, die du lediglich wiederholend „lernen“ und anschließend am Pferd anwenden kannst.
Du bekommst stattdessen Wissen über ganzheitliche Kommunikation an die Hand, das dich befähigt, dein Pferd im Alltag immer wieder neu wahrzunehmen und auf das zu antworten, was tatsächlich gerade zwischen euch geschieht.
Nicht Methode steht im Mittelpunkt.
Sondern nerven-und bindungssystemorientierte Beziehung für Mensch und Pferd.
Freiwilligkeit statt Funktionieren
Und wer glaubt, sein Pferd führen lernen zu müssen, hat vielleicht noch nicht erlebt, was es bedeuten kann, sich gegenseitig freigeistig zu begLEITEN.
Denn eines weiß ich inzwischen sehr klar, nachdem ich selbst zahlreiche Horsemanshipkurse besucht und mit vielen Pferden gearbeitet habe:
Diese Form der Arbeit entspricht nicht meinem Verständnis von Pferdegerechtigkeit.
Weil mein Weg an einem anderen Punkt beginnt.
Ich möchte nicht zuerst überlegen:
„Wie bringe ich dem Pferd bei, was ich von ihm möchte und das es bei mir bleibt?“
Sondern:
„Was versucht mein Pferd mir gerade mitzuteilen – und bin ich bereit, darauf mit lebendiger und bindungsorientierter Kommunikation antworten?“
Und was ist mit Konditionierung?
Dasselbe gilt für operante Konditionierung, positive Verstärkung, Clickertraining oder andere Formen des belohnungsbasierten Trainings.
Auch hier möchte ich differenzieren:
Positive Verstärkung ist wissenschaftlich nicht dasselbe wie negative Verstärkung. Bei positiver Verstärkung wird nach einem Verhalten ein angenehmer Reiz hinzugefügt, bei negativer Verstärkung wird ein aversiver Reiz entfernt.
Beides kann Verhalten beeinflussen.
Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen einen einzelnen Begriff oder eine einzelne Trainingsmethode.
Meine Frage ist vielmehr:
Was passiert mit der Beziehung, wenn das Verhalten des Pferdes dauerhaft an eine vom Menschen kontrollierte Ressource gekoppelt wird?
Wenn das Pferd beispielsweise nur dann Futter erhält, wenn es das gewünschte Verhalten zeigt, entsteht ebenfalls eine Form der Verhaltenssteuerung.
Für meinen Weg reicht es nicht aus, dass das Pferd etwas „freiwillig“ tut, wenn die Bedingungen dieser Freiwilligkeit vom Menschen vorher systematisch hergestellt wurden.
Ich möchte wissen, was das Pferd ohne diese Verstärker, ohne Erwartung und ohne Trainingskontext tatsächlich kommuniziert.
Denn dort beginnt für mich die wirklich interessante Beziehung.
Pferde lesen uns
Pferde nehmen kleinste Veränderungen in unserer Körperhaltung, Bewegung, Spannung, Aufmerksamkeit und unserem Verhalten wahr.
Sie reagieren darauf.
Deshalb ist es für mich so wesentlich, dass der Mensch nicht lediglich lernt, ein Pferd zu steuern, sondern sich selbst wahrzunehmen.
Was bringe ich gerade mit?
Bin ich angespannt?
Bin ich in Erwartung?
Will ich etwas erreichen?
Bin ich wirklich präsent?
Oder versuche ich gerade, mein Pferd dazu zu bringen, mir das Gefühl zu geben, dass alles funktioniert?
Für mich beginnt sichere Beziehung deshalb nicht beim Pferd.
Sie beginnt beim Menschen.
Begleitung statt Führung
In Kombination mit meiner Form der Tierkommunikation entsteht für mich daraus eine besonders ganzheitliche Form des Miteinanders.
Denn Ganzheitlichkeit beginnt dort, wo beide Seiten wirklich gehört werden.
Nicht manipuliert.
Nicht dressiert.
Nicht in ein gewünschtes Verhalten gebracht.
Sondern wahrgenommen.
Und genau deshalb ist meine Arbeit kein Training im klassischen Sinne.
Es geht nicht darum, ein möglichst gut funktionierendes Pferd zu erschaffen.
Es geht darum, einen Menschen zu befähigen, sein Pferd so gut wahrzunehmen, dass Kommunikation auch ohne permanent eingesetzte Techniken möglich wird.
Ist ein sicherer Pferdeumgang auch ohne Manipulation und „klassische Erziehung“ möglich?
Ja. Und zwar dadurch, dass wir etwas anderes entwickeln:
Selbstwahrnehmung.
Körperbewusstsein.
emotionale Regulation.
Präsenz.
Empathie.
Intuition.
Und die Bereitschaft, das Pferd tatsächlich als eigenständiges Gegenüber anzuerkennen.
Wenn der Mensch lernt, sich selbst zu regulieren und die Kommunikation seines Pferdes wahrzunehmen, kann etwas entstehen, das keine Technik erzeugen kann:
Sicherheit aus Beziehung.
Dann muss das Pferd nicht lernen, sich dem Menschen anzuschließen.
Es kann ein intrinsisches Interesse daran entwickeln, mit ihm in Kontakt zu treten.
Und beide Seiten erleben sich nicht als Führenden und Geführten.
Sondern als zwei eigenständige Wesen, die sich freiwillig füreinander entscheiden.
Das ist für mich gelebte Ganzheitlichkeit.
Nicht das perfekte Funktionieren eines Pferdes.
Sondern das gemeinsame Erleben, Fühlen und Erfahren von Beziehung.
